MUSIKEXPERTE WALTER GRÖBCHEN ÜBER GYPSY SPIRIT
Die frühe Geschichte der Roma-Kultur liegt weitgehend im Dunkeln. Als gesichert gilt die Annahme, dass das Volk der Roma einst von Indien aus zu einer großen, bis heute nicht enden wollenden Reise aufbrach. Ihr Weg führte und führt über Jahrhunderte, eventuell Jahr- tausende hinweg durch unzählige Länder, Kul- turkreise, Hemisphären. Die einzige Heimat, die dem fahrenden Volk blieb, war die eigene Kultur, zuvorderst die Musik. Roma-Musiker tragen die Fähigkeit in sich, unterschiedlichste musikalische Einflüsse aufzugreifen und in ihren persö̈nlichen Stil und ihre individuelle Spielweise zu integrieren. Trotz gemeinsamer Wurzeln und einem Fundament traditioneller Tonleitern und Harmonien gibt es – einige wenige Lieder ausgenommen – keine einheitliche Roma-Musik. Im Gegenteil: Sie ist so vielfältig wie die Weltgegenden, in denen ihre Interpreten und Hörer leben. In Mitteleuropa konnten sich, trotz Aus- grenzung und Verfolgung von Roma und Sinti ("Zigeuner"), verschiedene Biotope, Ü̈berlieferungen und Spielweisen entwickeln. Forscht man nach den Wurzeln des "Gypsy Spirit", führen alle Wege wieder zurück nach Osten, zum Urgrund der eigenen Identität und Existenz: nach Indien.
Hier beginnt – und endet – auch diese Kinoreise.
GYPSY SPIRIT ist kein Musikfilm der üblichen Art. Er transportiert keine Rock-'n'-Roll-Klischees, keine grellen Machoismen, Pop-Philosophien und Business-Imperative, keine distinguierte Klassik-Hochkultur westlicher Prä̈gung. Hier prallen Welten aufeinander, die eigentlich zusammengehö̈ren und nur einer sanften Zusammenfü̈hrung bedü̈rfen. Diese Verschmelzung ist das zentrale Motiv der filmischen Erkundungsfahrt: Harri Stojka, Roma-Musiker aus Wien, begibt sich in Rajasthan (Indien) auf die Suche nach seinen musikalischen und ethnischen Wurzeln. Im Gegenzug lädt er indische Gypsy-Musiker nach Wien ein.
So simpel der Plot, so facettenreich, subtil und gleichzeitig flirrend bunt gerät die Umsetzung. "Eigentlich war es die Idee meiner Frau Valerie", erzählt Harri Stojka. "Ich bin ja geprä̈gt von Bands wie Shakti oder dem Mahavishnu Orchestra. Ich wollte überprüfen̈, ob diese legendä̈re Virtuositä̈t indischer Musiker vor Ort wirklich eine Grundgegebenheit ist. Und, um es vorwegzunehmen: Sie ist es."
Die kü̈nstlerische Hemisphä̈re Harri Stojkas, der in Wien aufwuchs und lebt, ist neben traditioneller Lovara-Musik wesentlich geprä̈gt von Rock (nicht zuletzt den Beatles), Bebop, Jazz und dem Gypsy Swing eines Django Reinhardt. Nicht zufä̈llig wird der ö̈sterreichische Gitarrist von einem Seelenverwandten und musikalischen Mitstreiter an der Violine nach Rajasthan begleitet: Mosa Sisic. Geboren nahe Belgrad, ist der Roma-Geiger nach Wien ü̈bersiedelt, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Im Gegenteil: Bei Sisic paart sich die rhythmische und melodische Farbenpracht und Lebensfreude des Balkans mit einem krä̈ftigen Schuss Orient. "Mosa ist das totale Gegenteil von mir", so Harri Stojka. "Wo ich zu Introvertiertheit neige, ist Mosa extrovertiert bis zum Abwinken. Er geht auf Leute zu, unterhä̈lt sich mit Kindern und Alten, ohne auch nur ein Wort ihrer Sprache zu beherrschen, kann einfach gut kommunizieren." Und Kommunikation ist, zumal unter Künstlern, das essentielle Element dieser Reise ins eigene Ich.
"Wir haben 17 Tage in Indien gedreht und acht in Wien", so Regisseur Klaus Hundsbichler. "Und von der Idee bis zur Kinopremiere hat es nicht einmal ein Jahr gedauert. Trotz aller Widrigkeiten, von stechender Hitze bis zum alle plagenden Durchfall, haben wir unseren Drehplan eingehalten. Ich bin ü̈berrascht, wie gut wir das hinbekommen haben. Und wie stimmig unser musikalisches Roadmovie letztlich geworden ist." Die lakonische Lässigkeit der Protagonisten hat Hundsbichler in einen zurü̈ckhaltenden, beobachtenden, nicht-kopflastigen Streifen umgemü̈nzt.
Auch Rudolf Klingohr war als Indien-Fan von Beginn weg angetan vom Konzept eines musikalischen Selbsterfahrungstrips. "Gypsy Spirit" bedeutet für den erfahrenen Produzenten, der seine Karriere als Dokumentarfilmkameramann begann, insofern ein "back to the roots", als er für diesen Film wieder selbst die Kamera in die Hand nahm. "Wir haben mit einem höchst ü̈berschaubaren Budget unter schwierigen Umstä̈n- den im High-Definition-Format gedreht. Der magischste Moment war für mich, als Harri am Dach eines Hauses, im Hintergrund ein Tempel, ein Musikstück seines Vaters spielte. Aber es gab viele magische Momente."
"Gypsy Spirit" ist eine Perlenkette von Momentaufnahmen. Junge indische Musiker (Stojka: "Wir haben einfach die Besten genommen.") treffen beim Heurigen "Herrgott aus Sta" auf Karl Hodina und im "Schweizerhaus" auf Wiener Schnitzel. Harri und Mosa gehen in Rajasthan andä̈chtig in die Musikschule, eine rumänische Roma-Band gesellt sich zum Gipfeltreffen in den Interspot- Film-Studios. Letztlich ist das gemeinsame Konzert des "World Gypsy Orchestra", das auch einen gewichtigen Part im Film spielt, der Hö̈hepunkt der globalen Harmonie. Die letztlich nicht planbar ist: Es bedarf gewaltiger künstlerischer Ein- fü̈hlsamkeit, Aufmerksamkeit und Empathie, sich ü̈ber ganz unterschiedliche Traditionen, Sichtweisen und Kulturen hinweg zu verständigen und auszutauschen. Und nicht immer schließt sich der Kreis. "Die Musiker in Indien verstehen sich, ungeachtet der Erkenntnisse der Historiker, nicht als Roma; auch die Sprache ist – bis auf ein paar Worte und Sä̈tze – keine gemeinsame mehr. Insofern blieb und bleibt uns nur die Musik."
"So froh ich bin, die Strapazen dieser Reise hinter mir zu haben – die Wurzelsuche musste einfach sein", so Harri Stojka abschließend. "Jetzt kann man noch suchen. Und finden. In Zukunft wird alles verschmelzen. Und auch das hat sein Gutes, Befreiendes. Wir alle werden Menschen sein. Nur mehr Menschen, ohne Unterscheidungen. Und Musik unsere gemeinsame Sprache."
Walter Gröbchen
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www.myspace.com/harristojka
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www.mosa-sisic.at
www.myspace.com/mosasisicharristojka
www.gipsymusic.at